Indien zwischen Säkularisierung und Theokratie

In den knapp 14 Monaten, seitdem ich in Indien lebe und arbeite, gab es keinen einzigen Moment, an dem ich nicht mit religiösen Zeichen oder Riten konfrontiert war.

Diese sind im Alltag allgegenwärtig und permanent sichtbar. Bilder, Statuen, Werbekampagnen für Gurus auf Plakaten (siehe Bild) und im TV – das Bild auf den Straßen, in den Büros, Werkstätten, Wohnungen und sowohl in als auch an Autos ist geprägt von religiösen Zeichen und Botschaften.

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Außenwerbung für einen Jain, Gwalior 2014, Photograph: Andreas Wochenalt

Religion hat im Leben der Inder einen für Europäer außerordentlichen Stellenwert. Und das in einer kaum vorstellbaren Vielfalt. Das zeigt sich nicht nur in der Vielzahl an Tempeln, Moscheen und religiösen Feiertagen, sondern auch an der Anzahl der unterschiedlichen Religionen im Land.

Indien ist ein hinduistisch geprägtes Land und hat die weltweit drittgrößte muslimische Bevölkerung (ca. 140 Millionen). Aber um die Verhältnisse begreifen zu können muss man wissen, dass 80,5 Prozent der Bevölkerung Hindus sind. Nur 13,4 Prozent sind Moslems (hauptsächlich Sunniten), 2,3 Prozent Christen und 1,9 Prozent Sikhs.

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Gwalior 2014, Photograph: Andreas Wochenalt

Dieser Zustand hat auch einen massiven Einfluss auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Dazu gibt es zwei sehr interessante Artikel im Netz zu lesen:

1.

In der Frankfurter Allgemeinen wird im Artikel „Plötzlich haben sie Kreide gefressen“ die Rolle der Hindu-Nationalisten in Indien behandelt. Nach den ersten Monaten Amtszeit der Regierung Modi und seiner dem Hindu-Traditionalismus nahestehenden
Bharatiya-Janata-Partei (BJP) hat sich erwartungsgemäß eine Aufbruchsstimmung entwickelt. Was bleibt ist aber – ebenfalls nicht verwunderlich – der Einfluss der Religion auf Politik und Wirtschaft. Im FAZ-Artikel werden damit einhergehende Probleme sehr treffend beschrieben:

[…] Obwohl Hindus allgemein philosophisch tolerant sind, halten sie an ihren meist eng definierten religiösen und ethnischen Klassen- und Kasteneinteilungen fest. Solche multiplen Identitäten mit oft widerstreitenden Loyalitäten machen den Indern ihren Alltag nicht leicht. Die Folge ist ein überaus empfindliches soziales Gleichgewicht […]

Offen bleibt, ob sich Indien unter Premierminister Narendra Modi zu einem konservativen „Hindu-Reich“ entwickelt. Der zweite Artikel lässt darauf schließen:

2.

Das politische Verständnis von Wissenschaft aus Sicht der Hindu-Tradition verhafteten Modi-Regierung wird in einem Bericht der Online-Ausgabe des Guardian und vor allem einer Rede von Premierminister Narendra Modi im vergangenen Oktober vor Ärzten in Bombay dokumentiert:

[…] Hindu nationalists have long propagated their belief that many discoveries of modern science and technology were known to the people of ancient India. But now for the first time an Indian prime minister has endorsed these claims, maintaining that cosmetic surgery and reproductive genetics were practiced thousands of years ago.

As proof, Narendra Modi gave the examples of the warrior Karna from the Sanskrit epic Mahabharata and of the elephant-headed Hindu god Ganesha.

“We can feel proud of what our country achieved in medical science at one point of time,” the prime minister told a gathering of doctors and other professionals at a hospital in Mumbai on Saturday. “We all read about Karna in the Mahabharata. If we think a little more, we realise that the Mahabharata says Karna was not born from his mother’s womb. This means that genetic science was present at that time. That is why Karna could be born outside his mother’s womb.” Modi went on: “We worship Lord Ganesha. There must have been some plastic surgeon at that time who got an elephant’s head on the body of a human being and began the practice of plastic surgery.” […]

Sprich, die plastische Chirurgie wird in einer Rede des Premierministers vor Wissenschaftlern und Ärzten mit dem Hinduismus verknüpft. Damit wird vermittelt, dass Indien eine Jahrtausende alte Tradition in der Wissenschaft hat.

Lord Ganesh is carried by devotees in a religious procession in New Delhi. Photograph: Getty Images

Lord Ganesh is carried by devotees in a religious procession in New Delhi. Photograph: Getty Images

Das mag für uns vielleicht lächerlich und populistisch klingen. Aber wie immer in diesem Land gilt es für Ausländer die Kultur und Gegebenheiten Indiens wertfrei zu betrachten. Indien ist stolz auf seine Kultur, seine Traditionen, seine wirtschaftlichen Perspektiven und seine wissenschaftlichen Errungenschaften. In vielen Bereichen zurecht. Es ist manchmal schwierig sich damit zu arrangieren. Aber Indien ist und bleibt ein faszinierendes Land. Und als Wirtschaftsraum vielversprechend. Für ausländische Unternehmen (siehe http://bit.ly/1B90iY3) und Expats wie mich ist Indien jedoch eine sehr, sehr große Herausforderung.

Es war ein lehrreiches erstes Jahr. Frohe Weihnachten!

 

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